Das Atmen zu betrachten, heißt, das Leben selbst zu betrachten

Edith Paulsen zitierte bei unserer Live-Meditationsreihe „Atempausen aus dem Norden“ die Geschichte „Das Atmen zu betrachten heißt, das Leben selbst zu betrachten“:

Das Atmen zu betrachten, heißt, das leben selbst zu betrachten

Eine alte indische Geschichte weist auf diese Tatsache hin. Sie handelt von der Konferenz aller menschlichen Fertigkeiten, aller Sinne, die nach der indischen Auffassung sechs zählen: die fünf Sinne und der Geist.
Wie bei vielen Versammlungen musste auch hier erst einmal entschieden werden, wer den Vorsitz übernehmen sollte. Das Sehen tauchte auf und bewarb sich darum, indem es wunderschöne Bilder hervorzauberte, die alle verzückten. Der Geruchssinn erschien und schuf kräftige, verführerische Düfte, die bei allen erwartungsvolle Erregung erzeugten. Aber der Geschmackssinn konnte ihn mit den verblüffenden und delikaten Aromen von Speisen aus aller Welt übertrumpfen. Das Hören ließ himmlische Harmonien erklingen, die jeden zu Tränen rührten, und der Körper brachte körperliche Empfindungen hervor, die jeden in Ekstase versetzten. Der Geist schließlich spann intellektuelle Theorien, mit deren Hilfe er wunderschön die tiefe Weisheit zum Ausdruck brachte, die er verkörperte.
Dann kam der Atem daher – nicht einmal einer der Sinne! – und sagte, er wolle den Vorsitz übernehmen. Alles, was er vorweisen konnte, war das einfache Ein- und Ausatmen, nicht sehr eindrucksvoll angesichts all der anderen vorgebrachten Dinge. So übersah man ihn einfach. Die anderen Sinne stritten hitzig darum, welcher on ihnen auserwählt werden sollte. In seiner Enttäuschung begann der Atem sich zu entfernen. Da  begannen die Bilder zu verblassen, der Geschmack verlor seine Würze, die Klänge schwanden …. „Warte!“ riefen die Sinne aus. „Komm zurück. Du kannst den Vorsitz übernehmen. Wir brauchen Dich.“ Und der Atem kehrte zurück und nahm den Platz ein, der ihm zustand.

(Quelle: Larry Rosenberg, Mit jedem Atemzug, arbor Verlag 2002)

Die Einladung

Kirsten Hinrichsen zitierte in unserer Meditationsreihe Atempausen aus dem Norden das Gedicht „Die Einladung“ von Oriah Mountain Dreamer:

Die Einladung

Es interessiert mich nicht, womit du dein Geld verdienst. Ich will wissen, wonach du dich sehnst und ob du die Erfüllung deines Herzenswunsches zu träumen wagst.
Es interssiert mich nicht, wie alt du bist. Ich will wissen, ob du es riskierst, dich zum Narren zu machen, auf deiner Suche nach Liebe, nach deinem Traum, nach dem Abenteuer des Lebens.
Es interessiert mich nicht, welche Planeten ein Quadrat zu deinem Mond bilden. Ich will wissen, ob du deinem Leid auf den Grund gegangen bist und ob dich die Ungerechtigkeiten des Lebens geöffnet haben, oder ob du dich klein machst und verschließt, um dich vor neuen Verletzungen zu schützen.
Ich will wissen, ob du Schmerz – meinen oder deinen – ertragen kannst, ohne ihn zu verstecken, zu bemänteln oder zu lindern.
Ich will wissen, ob du Freude – meine oder deine eigene – aushalten, dich hemmungslos dem Tanz hingeben und jede Faser deines Körpers von Ekstase erbeben lassen kannst, ohne an Vorsicht und Vernunft zu appellieren oder an die Begrenztheit des Menschseins zu denken.
Es interessiert mich nicht, ob das, was du mir erzählst, wahr ist. Ich will wissen, ob du andere enttäuschen kannst, um dir selbst treu zu bleiben; ob du den Vorwurf des Verrats ertragen kannst, um deine eigene Seele nicht zu verraten; ob du treulos sein kannst, um vertrauenswürdig zu bleiben.
Ich will wissen, ob du die Schönheit des Alltäglichen erkennen kannst, selbst wenn sie nicht immer angenehm ist und ob ihre Allgegenwärtigkeitdie Quelle ist, aus der du die Kraft zum Leben schöpfst.
Ich will wissen, ob du mit Unzulänglichkeit leben kannst – meiner und deiner eigenen – und immer noch am Seeufer stehst und der silbrigen Scheibe des Vollmonds ein uneingeschränktes „JA!“ zurufst.
Es interessiert mich nicht, wo du wohnst oder wie reich du bist. Ich will wissen, ob du nach einer kummervoll durchwachten Nacht zermürbt und müde bis auf die Knochen aufstehen kannst, um das Notwendige zu tun, damit deine Kinder (Kirsten: oder dein Hund) versorgt sind.
Es interessiert mich nicht, wen du kennst oder wie du hierher gekommen bist. Ich will wissen, ob du inmitten des Feuers bei mir ausharren wirst, ohne zurückzuweichen.
Es interessiert mich nicht, wo oder was oder mit wem du studiert hast. Ich will wissen, was dich von innen heraus trägt, wenn alles andere wegbricht.
Ich will wissen, ob du mit dir selbst allein sein kannst und ob du den, der dir in solch einsamen Momenten deines Lebens Gesellschaft leistet, wirklich magst.

(Oriah Mountain Dreamer: Die Einladung, Goldmann 2000)

„Draußen gehen“

Andrea Schulte-Braatz zitierte in unserer Reihe „Atempausen aus dem Norden“ den Text „Draußen gehen“ von Thich Nhat Hanh:

Draußen Gehen

Wenn wir zur Tür hinaus in die frische Luft treten, treten wir direkt in Verbindung mit der Luft, der Erde und all den Elementen, die um uns herum sind.
Beim Gehen wissen wir, dass wir nicht auf Unbelebtes treten. Der Boden, auf dem wir gehen, ist keine tote Materie.
Mit einem solchen Verständnis können wir auf dem Planeten mit dem Respekt und der Ehrfurcht gehen, die wir auch in einer Kirche oder an einem heiligen Ort aufbringen würden.
Jeden Schritt sollten wir in größter Bewusstheit tun. Schritte wie diese haben die Kraft, uns das Leben zu retten.

(Quelle: „Einfach gehen“ von Thich Nhat Hanh, O.W. Barth 2016)