Liebe nach Liebe

Caroline Stiller zitierte in unserer Reihe „Atempausen aus dem Norden“ das Gedicht „Liebe nach Liebe“ von Derek Walcott:

Liebe nach Liebe

Die Zeit wird kommen,
wenn du mit Schwung
dich selbst an deiner Türbegrüßen wirst,
in deinem eigenen Speigel,
und jeder wird beim Gruß des anderen lächeln

und sagen, setz dich hier hin. Iß.
Du wirst wieder den Fremden lieben, der du warst.
Gib Wein. Gib Brot. Gib dein Herz sich selbst
Zurück, dem Fremden, der dich geliebt hat

dein ganzes Leben, den du wegen eines anderen
übersahst, der dich inwendig kennt.
Nimm die Liebesbriefe vom Bücherbord herunter,

die Photographien, die verzweifelten Zeilen,
pelle dein Bild vom Spiegel ab.
Setz dich. Schmause von deinem Leben.

Derek Walcott, 1986

„Am Ufer des Augenblicks“

Caroline Stiller zitierte bei unseren Atempausen aus dem Norden das Gedicht „Am Ufer des Augenblicks von Ernst Ferstl:

Am Ufer des Augenblicks

Laß uns Zeit nehmen füreinander.
Laß uns die Böschung der Vergänglichkeit 
mit unvergeßlichen Stunden und Augenblicken befestigen,
gegen den Strom der Zeit anschwimmen.
Laß uns verweilen am Ufer des Augenblicks,
bis unsere Sehnsucht groß und stark genug ist,
daß sie den langen Weg ins Meer der Geborgenheit
ohne unterzugehen schaffen kann.“

© Ernst Ferstl (*1955), österreichischer Lehrer, Dichter und Aphoristiker
Quelle: Ferstl, Zusammen sind wir herzzerreißend, Geest-Verlag 2003