Das Atmen zu betrachten, heißt, das Leben selbst zu betrachten

Edith Paulsen zitierte bei unserer Live-Meditationsreihe „Atempausen aus dem Norden“ die Geschichte „Das Atmen zu betrachten heißt, das Leben selbst zu betrachten“:

Das Atmen zu betrachten, heißt, das leben selbst zu betrachten

Eine alte indische Geschichte weist auf diese Tatsache hin. Sie handelt von der Konferenz aller menschlichen Fertigkeiten, aller Sinne, die nach der indischen Auffassung sechs zählen: die fünf Sinne und der Geist.
Wie bei vielen Versammlungen musste auch hier erst einmal entschieden werden, wer den Vorsitz übernehmen sollte. Das Sehen tauchte auf und bewarb sich darum, indem es wunderschöne Bilder hervorzauberte, die alle verzückten. Der Geruchssinn erschien und schuf kräftige, verführerische Düfte, die bei allen erwartungsvolle Erregung erzeugten. Aber der Geschmackssinn konnte ihn mit den verblüffenden und delikaten Aromen von Speisen aus aller Welt übertrumpfen. Das Hören ließ himmlische Harmonien erklingen, die jeden zu Tränen rührten, und der Körper brachte körperliche Empfindungen hervor, die jeden in Ekstase versetzten. Der Geist schließlich spann intellektuelle Theorien, mit deren Hilfe er wunderschön die tiefe Weisheit zum Ausdruck brachte, die er verkörperte.
Dann kam der Atem daher – nicht einmal einer der Sinne! – und sagte, er wolle den Vorsitz übernehmen. Alles, was er vorweisen konnte, war das einfache Ein- und Ausatmen, nicht sehr eindrucksvoll angesichts all der anderen vorgebrachten Dinge. So übersah man ihn einfach. Die anderen Sinne stritten hitzig darum, welcher on ihnen auserwählt werden sollte. In seiner Enttäuschung begann der Atem sich zu entfernen. Da  begannen die Bilder zu verblassen, der Geschmack verlor seine Würze, die Klänge schwanden …. „Warte!“ riefen die Sinne aus. „Komm zurück. Du kannst den Vorsitz übernehmen. Wir brauchen Dich.“ Und der Atem kehrte zurück und nahm den Platz ein, der ihm zustand.

(Quelle: Larry Rosenberg, Mit jedem Atemzug, arbor Verlag 2002)