Die Einladung

Kirsten Hinrichsen zitierte in unserer Meditationsreihe Atempausen aus dem Norden das Gedicht „Die Einladung“ von Oriah Mountain Dreamer:

Die Einladung

Es interessiert mich nicht, womit du dein Geld verdienst. Ich will wissen, wonach du dich sehnst und ob du die Erfüllung deines Herzenswunsches zu träumen wagst.
Es interssiert mich nicht, wie alt du bist. Ich will wissen, ob du es riskierst, dich zum Narren zu machen, auf deiner Suche nach Liebe, nach deinem Traum, nach dem Abenteuer des Lebens.
Es interessiert mich nicht, welche Planeten ein Quadrat zu deinem Mond bilden. Ich will wissen, ob du deinem Leid auf den Grund gegangen bist und ob dich die Ungerechtigkeiten des Lebens geöffnet haben, oder ob du dich klein machst und verschließt, um dich vor neuen Verletzungen zu schützen.
Ich will wissen, ob du Schmerz – meinen oder deinen – ertragen kannst, ohne ihn zu verstecken, zu bemänteln oder zu lindern.
Ich will wissen, ob du Freude – meine oder deine eigene – aushalten, dich hemmungslos dem Tanz hingeben und jede Faser deines Körpers von Ekstase erbeben lassen kannst, ohne an Vorsicht und Vernunft zu appellieren oder an die Begrenztheit des Menschseins zu denken.
Es interessiert mich nicht, ob das, was du mir erzählst, wahr ist. Ich will wissen, ob du andere enttäuschen kannst, um dir selbst treu zu bleiben; ob du den Vorwurf des Verrats ertragen kannst, um deine eigene Seele nicht zu verraten; ob du treulos sein kannst, um vertrauenswürdig zu bleiben.
Ich will wissen, ob du die Schönheit des Alltäglichen erkennen kannst, selbst wenn sie nicht immer angenehm ist und ob ihre Allgegenwärtigkeitdie Quelle ist, aus der du die Kraft zum Leben schöpfst.
Ich will wissen, ob du mit Unzulänglichkeit leben kannst – meiner und deiner eigenen – und immer noch am Seeufer stehst und der silbrigen Scheibe des Vollmonds ein uneingeschränktes „JA!“ zurufst.
Es interessiert mich nicht, wo du wohnst oder wie reich du bist. Ich will wissen, ob du nach einer kummervoll durchwachten Nacht zermürbt und müde bis auf die Knochen aufstehen kannst, um das Notwendige zu tun, damit deine Kinder (Kirsten: oder dein Hund) versorgt sind.
Es interessiert mich nicht, wen du kennst oder wie du hierher gekommen bist. Ich will wissen, ob du inmitten des Feuers bei mir ausharren wirst, ohne zurückzuweichen.
Es interessiert mich nicht, wo oder was oder mit wem du studiert hast. Ich will wissen, was dich von innen heraus trägt, wenn alles andere wegbricht.
Ich will wissen, ob du mit dir selbst allein sein kannst und ob du den, der dir in solch einsamen Momenten deines Lebens Gesellschaft leistet, wirklich magst.

(Oriah Mountain Dreamer: Die Einladung, Goldmann 2000)

„Auch das geht vorüber“

Dr. Harald Lucius zitierte bei unseren „Atempausen aus dem Norden“ die Sufi-Geschichte „Auch das geht vorüber“

Ein König bat einmal den Sufimeister Uwais, er möge ihm einen kleinen Vers oder ein Sutra geben, irgend etwas, was ihm in allen Lebenslagen – seien sie gut oder schlecht – helfen würde, etwas, was ihm in Erfolg und Misserfolg in Leben und Tod eine Stütze wäre.
Da gab ihm Uwais seinen Ring und sagte: „Er enthält eine Botschaft. Wenn du einmal wirklich in Not bist, in einer echten Notsituation, dann brauchst du nur den Ring zu öffnen, den Diamant abzunehmen, und du wirst darunter eine Botschaft finden. Aber öffne ihn nicht aus Neugierde. Nur, wenn die Gefahr so groß ist, dass du sie nicht allein durchstehen kannst und mich unbedingt brauchst, dann darfst du die Botschaft lesen.“

Es gab oft Momente, in denen der König neugierig war, was der Ring wohl enthielte, aber er widerstand der Versuchung, ihn zu öffnen. Schließlich hatte er es versprochen, er hatte sein Wort gegeben. Und er war ein Mann, der zu seinem Wort stand. Zehn Jahre später wurde sein Land angegriffen und besiegt. Der König floh in die Berge, um sich zu verstecken, doch der Feind war ihm dicht auf den Fersen. Er konnte den Hufschlag der Pferde hören, wie sie näher und näher kamen – es war der Tod, der näher und näher kam. Sie würden ihn töten! Er jagte mit seinem Pferd dahin, so schnell er konnte – müde und verwundet wie er war, mit einem müden und verwundeten Pferd. Schließlich kam er nicht mehr weiter. Der Weg hörte auf, und vor ihm gähnte ein Abgrund. Umkehren war unmöglich, denn der Feind kam jeden Augenblick näher. In den Abgrund springen konnte er auch nicht, das wäre der sichere Tod gewesen. So konnte er nur abwarten.

Da fiel ihm plötzlich der Ring ein. Er öffnete ihn, und unter dem Stein fand er ein kleines Papier, auf dem ein einziger Satz stand: „Auch das geht vorüber.“ Und mit einem Mal überkam ihn eine große Ruhe. „Auch das geht vorüber.“ Und genauso war es. Der Klang der Pferdehufe entfernte sich wieder, sie waren in die falsche Richtung abgebogen. Er hatte eine Wegkreuzung überquert, und dort hatten sie eine andere Richtung eingeschlagen. Der König sammelte sein Heer, kämpfte noch einmal gegen den Feind und gewann sein Land zurück. Mit großem Jubel, einer Pracht von Blumen und Girlanden wurde er zu Hause empfangen. Die ganze Hauptstadt war festlich geschmückt. Das gab seinem Ego mächtigen Auftrieb.

Doch dann fiel ihm auf einmal die Botschaft ein: „Auch das geht vorüber“, und das Ego löste sich auf. Die ganzen Girlanden und der Empfang wurden zu einer Spielerei. So haben ihm die Worte des Meisters Uwais in Misserfolg und Erfolg geholfen. Sie wurden so zu seiner Meditation, zu seinem Mantra. Was auch immer geschah, innerlich – nicht verbal, aber mit dem Gefühl im Herzen – sagte er sich: „Auch das geht vorüber.“ Traurigkeit kommt, Freude kommt, und alles geht vorbei. Das einzige, was bestehen bleibt, ist der Beobachter. Der Beobachter ist jenseits aller Dualität. Er ist dasjenige Element in der Existenz, das alle Gegensätze transzendiert.

(Quelle unbekannt)
(Sufismus ist nach Wikipedia eine Sammelbezeichnung für Strömungen im Islam, die asketische Tendenzen und eine spirituelle Orientierung aufweisen)

„Am Ufer des Augenblicks“

Caroline Stiller zitierte bei unseren Atempausen aus dem Norden das Gedicht „Am Ufer des Augenblicks von Ernst Ferstl:

Am Ufer des Augenblicks

Laß uns Zeit nehmen füreinander.
Laß uns die Böschung der Vergänglichkeit 
mit unvergeßlichen Stunden und Augenblicken befestigen,
gegen den Strom der Zeit anschwimmen.
Laß uns verweilen am Ufer des Augenblicks,
bis unsere Sehnsucht groß und stark genug ist,
daß sie den langen Weg ins Meer der Geborgenheit
ohne unterzugehen schaffen kann.“

© Ernst Ferstl (*1955), österreichischer Lehrer, Dichter und Aphoristiker
Quelle: Ferstl, Zusammen sind wir herzzerreißend, Geest-Verlag 2003

„Unsere tiefste Angst ist nicht…“

Kirsten Hinrichsen zitierte bei unserer Online-Meditationsreihe „Atempausen aus dem Norden“ am 05.05.2020 diesen bewegenden Text von Marianne Williamson:

„Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir der Sache nicht gewachsen sind. Unsere tiefste Angst ist, dass wir unermesslich mächtig sind.
Es ist unser Licht, das wir fürchten, nicht unsere Dunkelheit.
Wir fragen uns, wer bin ich denn eigentlich, dass ich leuchtend, hinreißend, begnadet und fantastisch sein darf?
Wer bist du denn, dass du das nicht sein darfst?
Du bist ein Kind Gottes. Wenn Du Dich klein machst, dient das nicht der Welt. Es hat nichts Erleuchtetes , sich zu verkriechen, nur, damit andere um Dich herum sich nicht verunsichert fühlen.
Du wurdest geboren, um das göttliche Strahlen zum Ausdruck zu bringen. Es ist nicht nur in einigen von uns. Es ist in jedem Menschen.
Und wenn wir unser Licht erstrahlen lassen, geben wir unbewusst den anderen Menschen die Erlaubnis, dasselbe zu tun. Wenn wir uns von unserer Angst befreit haben, wird unsere Gegenwart ohne unser Zutun andere befreien. „
(Marianne Williamson )