„Der kleine Tiger“

Andreas Makus zitiere in unserer Reihe „Atempausen aus dem Norden“ den Text „Der kleine Tiger“ von Ulrike Dahm und Erich Keller:

Es war einmal ein kleiner Tiger, dessen Mutter gleich nach seiner Geburt gestorben war. Eine Herde von Schafen, die in der Nähe weidete, hatte sich seiner angenommen und nahmen ihn als einen der ihren auf.

So wurde aus dem kleinen Tiger bald ein großer und stattlicher Tiger. Aber er benahm sich wie ein Schaf. Er fraß Gras, blökte wie ein Schaf und suchte den Schutz der Herde. Obwohl tief in ihm die Kraft eines Tigers schlummerte, glaubte er fest daran, ein Schaf zu sein.

Nun schlich sich eines Tages ein alter Tiger an die Schafherde heran, um eines von ihnen zu reißen. Als er den jungen Tiger inmitten all der Schafe grasen sah, wollte er seinen Augen kaum glauben. Er jagte zu ihm hin, packte ihn am Nackenfell und schleppte ihn zu einer Wasserstelle. Der junge Tiger roch wie ein Schaf und wehrte sich ängstlich gegen die Behauptung des alten Tigers, er sei kein Schaf, sondern eine Raubkatze. Der alte Tiger bestand darauf, dass der junge Tiger sich sein Spiegelbild im Wasser anschaute. Und da stellte er fest, dass er wirklich kein Schaf war, sondern ein Tiger!

In diesem Moment brach ein gewaltiges Brüllen tief aus seinem Inneren hervor und er erkannte seine wahre Natur.

Quelle: Ulrike Dahm und Erich Keller: „Sei dein bester Freund: Wegweiser zur Selbstliebe“, Schirner 2010, leicht geändert

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